Bess´ Reise mit Mercy Ships

der Tag nach dem Tag mit dem schönsten Moment

eigentlich hatte der gestrige Tag ganz gewöhnlich(gut) gestartet. Während meiner Morgengymnastik auf Deck 8 hab ich einen schönen Sonnenaufgang über dem indischen Ozean gesehen, hatte Zeit mit Gott und Kaffee und war ready für den letzten Arbeitstag in dieser Woche. Um 07:06 sah ich auf mein Handy, dass mir anzeigte dass ich seit sechs Minuten in einem Meeting sein sollte. Das war mir völlig entgangen!! Der Termin wurde mir in meinen Teams Kalender eingetragen und ich hatte ihn übersehen. Um 07:10 saß ich also im Hospital Conference room anstatt im Speisesaal. Das Meeting hatte gar kein so schönes Thema. Es ging darum zu besprechen welche der Patienten die wir im Screening gesehen hatten in dieser Woche noch operiert werden können und welche nicht. Das ist echt ein sehr sehr schwerer Teil der Arbeit. Patienten die es bis zum Schiff geschafft haben. Im screening für OP tauglich befunden wurden dann doch ein "NO" zu geben, weil die OP Zeit abgelaufen ist. Diese Patienten sind schon durch so viel durch. Angefangen bei ihrer Erkrankung, dann das Stigma welches viele erleben, Hoffnung die erwacht mit der Möglichkeit einer OP. Die Anreise nach Tamatave zum Schiff, das Screening und dann am Ende des Tages bekommen sie ein seelsorgerliches Gespräch und Geld für die Heimreise. Obwohl den Patienten bis zum letzten Tag nie "die Sicherheit einer OP" zugesprochen wird, sondern immer ehrlich und offen über eine Möglichkeit gesprochen wird ist dieser Moment des "NO" doch ein sehr schwerer.

Das Meeting dauerte ziemlich lang und so kam ich schon etwas abgehetzt im OP zum Teambrief an. Ich war echt etwas von der Rolle und bin da irgendwie völlig strukturlos durch geschlittert. Unser erster Patient war ein fünf jähriger dessen Wade wir vom Obeschenkel und dessen Fuß wir vom Unterschenkel gelöst hatten. Heute stand ein Verbandswechel im OP auf dem Plan und ein neuer Gips, der sein Bein vollends gerade macht. Wenn ich ihn auf Station sah war ich immer seine "beste" Freundin. Wir lachten und spielten zusammen. Aber an diesem Morgen war er überhaupt nicht gut gestimmt dass ich ihn mit in OP nahm.....aber die OP verlief sehr gut und wir sind jetzt wieder Freunde :)

Ich will den zweiten Patienten auf Station abholen und gehe die Checkliste durch und stelle fest, dass er seinen "srub" = "vor desinfizieren der zu operierenden Körperstellen" , noch nicht erhalten hatte. Such die zuständige Pflegekraft, suche die dafür notwendige Desinfektionsbürsten, oh wir haben keine mehr, geh zurück in OP und hole von dort welche, eile zurück, ruf im Saal an und gib bescheid dass es noch dauert....ich bin jetzt schon fertig...Scrub done, hol den Rollstuhl, heb den Jungen rein und los gehts.. Er ist ebenfalls ein Patient den wir schon mal operiert hatten. Der 16jaährige Junge, dessen beide Unterschenkel hinten an die Oberschenkel angewachsen waren aufgrund einer Verbrennung. Wir wollten die Beine vollends Strecken, den besonderen Verband den er bis jetzt hatte entfernen und die Wunden mit Haut von seinen Vorderseiten der Oberschenkel decken. Außerdem hatte er noch eine Verbrennung am li Auge, die wir mit Haut von vor seinem Ohr rekonstruieren wollten. Im Teambrief hatten wir vergessen zu besprechen in welcher Reihenfolge wir die beiden OPs durchführen und als Dr. Tertius in OP kam sagte er: "oh ich habe vergessen dir zu sagen dass wir in zwei Teams operieren und beide OPs parallel machen. " "UPs, dachte ich, freue ich mich nun dass die OP Zeit schneller ist oder bin ich gestresst dass ich jetzt spontan umdisponieren muss?" ich denke es war letztendlich eine Mischung aus beidem, die manchmal sekündlich wechselte... Und dann kam Jono, ein sehr liebenswürdiger Mensch, aber als Kollege "pusht er meine buttons" " don`t push meine buttons" "drück nicht meine Knöpfe" ist quasi der englische Ausdruck für "trigger mich nicht". Oh meine Güte, der arme Jono, er pusht meine buttens, unabsichtlich und nicht bösartig, aber ich reagiere, und wie.... Für den Gips brauche ich sehr warmes Wasser. Ich gebe meine "Gipsschüssel" Isi einem unserer Übersetzter raus und er füllt sie ziemlich voll mit gutem warmem Wasser. Ich stelle die Schüssel auf den Gipswagen zurück und bin voll Vertrauen dass die zwei Ärzte mit den vorbereiteten Utensilien klar kommen. Ich hab ja schließlich noch eine weitere OP zu betreuen. Einen Augenblick nicht aufgepasst schnappt sich einer der beiden die Schüssel ,stellt sie auf den OP Tisch zum Patienten und der zweite, in einer unachtsamen Bewegung manövriert sie kunstvoll vom Tisch..der OP Saal auf dem Schiff schwimmt. "There’s no use crying over spilled milk (ich atme tief durch und denke das gilt bestimmt auch für Wasser... Es ist inzwischen ca. 14Uhr die zweite OP ist erfolgreich zu Ende, ich habe mich bei Jono entschuldigt und ich habe Hunger und Durst. Aber eine OP steht noch aus. Auch dieser Patient bekommt heute seine zweite OP. Ihm hatte die Nase gefehlt und ein Stück über der Oberlippe. Sein Schwager hatte sie ihm mit einer Machete abgehauen. Wir haben ihm mit verschiedenen OP Techniken eine neue Nase ins Gesicht gezaubert und heute sollte das nicht mehr benötigte Gewebe wieder an seinen Ursprungsort verlegt werden. Der sogenannte "african flap" wurde von Dr. Gary Parker und Dr. Tertius Venter auf der africa mercy entwickelt und hat inzwischen sehr sehr vielen Menschen geholfen wieder ein "normales" aussehen zu erhalten. Es ist 16Uhr, alle OPs sind erfolgreich beendet und ich bin froh und dankbar dass dieser Tag im OP zu Ende geht. Heute Abend wird noch gefeiert. Es ist Jonos Geburtstag und Abschiedstag. Jono hat beim Inder einen Tisch reserviert und wir sind ca. 20 Mercy Shipler die einen schönen Abend mit einander genießen. auf den beiden Bildern aus dem OP ist mein tolles OP Team von letzter Woche

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